Wie viel von Düsseldorf wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört?

Wie viel von Düsseldorf wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört?

Am 12. Juni 1943 begann eine Nacht, die Düsseldorf nie vergessen würde. Über 500 britische Bomber warfen mehr als 2.000 Tonnen Sprengstoff auf die Stadt. In nur drei Stunden wurden 80 Prozent der Innenstadt in Schutt und Asche gelegt. Die Altstadt, die Kaufhäuser, die Kirchen, die Wohnhäuser - fast alles, was seit dem 18. Jahrhundert gewachsen war, war plötzlich weg. Die Menschen, die in den Kellern saßen, hörten das Krachen wie Donner, der nie aufhörte. Als der Morgen kam, standen nur noch die Ruinen. Düsseldorf war nicht nur beschädigt. Es war zerstört.

Was genau wurde zerstört?

Die Zerstörung war nicht gleichmäßig verteilt. Die Innenstadt, besonders die Bereiche um den Kö, die Rheinuferstraße und die Altstadt, trafen die schwersten Angriffe. 85 Prozent aller Gebäude in der Innenstadt waren nach 1945 nicht mehr bewohnbar. Die großen Kaufhäuser wie Karstadt, Hertie und Wertheim lagen in Trümmern. Die St. Lambertus-Kirche, die seit dem 13. Jahrhundert das Stadtbild prägte, war nur noch eine Ruine mit halb abgebrannten Mauern. Der Rathausplatz, einst das politische Herz der Stadt, war ein Feld aus Betontrümmern und gebogenen Stahlträgern.

Die Wohngebiete waren nicht verschont. In Bilk, Benrath und Lierenfeld wurden ganze Straßenzüge ausgelöscht. In manchen Vierteln gab es keine Häuser mehr, nur noch Grundstücke mit Schutthügeln. Über 100.000 Menschen verloren ihre Wohnungen. 3.000 Menschen starben in den Luftangriffen - viele davon in Luftschutzbunkern, die nicht standhielten. Die Zahl der Verletzten lag bei mehr als 15.000. Die Stadt hatte nicht nur Bauten verloren. Sie hatte ihre Menschen, ihre Erinnerungen, ihre Struktur verloren.

Wie viele Angriffe gab es?

Der Angriff vom 12. Juni 1943 war der schwerste, aber nicht der einzige. Insgesamt fanden 248 Luftangriffe auf Düsseldorf zwischen 1940 und 1945 statt. Die meisten davon kamen zwischen 1942 und 1945. Die Alliierten hatten Düsseldorf als Ziel ausgewählt, weil es ein wichtiger Industriestandort war. Die Rheinmetall-Werke, die Düsseldorfer Maschinenfabrik und die Kabelwerke produzierten Waffen, Panzer und Munition für die Wehrmacht. Die Stadt war kein bloßer Verwaltungssitz - sie war ein Teil der Kriegsmaschinerie.

Die Angriffe wurden immer intensiver. 1944 kam die US-Luftwaffe hinzu. Ihre Bomben trafen vor allem Bahnhöfe, Brücken und Lagerhallen. Der Hauptbahnhof wurde mehrfach getroffen. Die Rheinbrücke zwischen Düsseldorf und Neuss wurde zerstört, um die Versorgung der deutschen Truppen zu unterbrechen. Jeder Angriff fügte neue Wunden hinzu. Die Stadt war kein statisches Ziel. Sie wurde systematisch ausgehöhlt.

Wie sah die Stadt nach dem Krieg aus?

Nach der Kapitulation im Mai 1945 war Düsseldorf eine Stadt ohne Stadt. 90 Prozent der historischen Bausubstanz waren weg. Die meisten Kirchtürme, die früher das Stadtbild dominierten, waren verschwunden. Die Straßen waren mit Trümmern übersät. In manchen Vierteln konnte man nicht mehr erkennen, wo eine Straße verlief. Die Versorgung mit Wasser, Strom und Abwasser war zusammengebrochen. Die Bevölkerung, die noch lebte, lebte in Notunterkünften, in Kellern oder in provisorischen Baracken.

Die Überlebenden suchten nach Familienmitgliedern, nach Fotos, nach Briefen. Viele fanden nichts. Alles war verbrannt, vergraben oder weggespült worden. Die Stadtverwaltung arbeitete mit Schreibtischen aus Holzpaletten. Die ersten Rekonstruktionspläne wurden auf Papier napoleonischen Formaten entworfen, weil es keine anderen gab. Es gab keine Karten mehr. Die Stadt musste von Grund auf neu gedacht werden.

Postkriegs-Düsseldorf 1945: Trümmerfeld am Rathausplatz, eine Frau steht allein inmitten von Schutt.

Warum wurde so viel zerstört?

Die Zerstörung war kein Zufall. Die Alliierten hatten eine klare Strategie: die deutsche Kriegswirtschaft zu brechen. Düsseldorf war ein Knotenpunkt. Es hatte nicht nur Fabriken, sondern auch eine dichte Eisenbahnverbindung, Lager für Treibstoff und Munition, und eine große Bevölkerung, die in den Werken arbeitete. Die Bombardierung war Teil eines größeren Plans - der sogenannten „strategischen Bombardierung“. Sie sollte die Moral der Bevölkerung brechen und die Produktion stoppen.

Es gab auch eine andere Seite: die deutsche Seite. Die Stadt hatte in den 1930er Jahren viele historische Gebäude abgerissen, um breitere Straßen und moderne Bauten zu bauen. Viele Kirchen und Fachwerkhäuser waren schon vor dem Krieg verschwunden. Das machte die Zerstörung nach 1945 nicht weniger schmerzhaft - aber es veränderte die Art der Wiederherstellung. Es gab weniger alte Strukturen, die man hätte retten können.

Wie wurde Düsseldorf wiederaufgebaut?

Der Wiederaufbau begann 1946. Die Stadt wurde nicht wie vorher wieder aufgebaut. Man entschied sich für eine moderne, funktionale Stadt. Die engen Gassen der Altstadt wurden durch breite Straßen ersetzt. Die historischen Gebäude, die noch standen, wurden oft abgerissen, weil sie als „veraltet“ galten. Die Altstadt wurde neu geplant - mit Betonbauten, Parkplätzen und einem zentralen Einkaufszentrum. Die St. Lambertus-Kirche wurde nicht wieder aufgebaut. Stattdessen entstand 1960 eine moderne Kirche mit gläsernen Wänden.

Die Rheinuferstraße wurde zu einer breiten Straße mit Autobahnauffahrten. Der Kö wurde zu einer Fußgängerzone - aber ohne historische Fassaden. Die meisten Gebäude, die heute in der Innenstadt stehen, wurden zwischen 1950 und 1970 gebaut. Nur wenige alte Häuser blieben übrig. Die Alte Synagoge wurde 1958 abgerissen. Erst 1998 wurde eine neue Synagoge an anderer Stelle eröffnet.

Was blieb? Die Schlossgartenanlage. Die Burg. Einige Straßen, die man nicht neu anlegen konnte. Und die Erinnerungen der Menschen. Die alten Fotos. Die Briefe. Die Geschichten, die man den Kindern erzählte.

Gedenkplatten in Düsseldorfer Fußgängerzone zeigen die Grundrisse zerstörter Häuser, Blume auf einem Metallfeld.

Was ist heute noch sichtbar?

Heute, im Jahr 2025, ist kaum noch etwas von der Zerstörung zu sehen. Die Stadt wirkt modern, sauber, lebendig. Aber wer genau hinschaut, findet Spuren. An der Altstadtmauer, wo einst das Rathaus stand, ist ein kleiner Stein mit einer Tafel: „Hier stand das Rathaus von 1885 bis 1943.“ In der Neumarktstraße steht ein Denkmal für die Opfer der Luftangriffe. In der Bibliothek liegen Akten mit Namen der Toten. In der Kulturgeschichte Düsseldorfs wird der Krieg nicht als „Schrecken“ abgetan. Er ist Teil der Identität.

Die Stadt hat nie behauptet, alles zurückbringen zu können. Sie hat sich entschieden, neu zu bauen - aber nicht zu vergessen. In den 1990er Jahren begann man, die historischen Straßenverläufe wieder sichtbar zu machen. Auf dem Boden der Fußgängerzone sind Metallplatten eingelassen, die zeigen, wo früher die Häuser standen. Es sind keine Gebäude. Aber sie zeigen, wo etwas war.

Warum ist das wichtig?

Düsseldorf ist nicht die einzige Stadt, die im Krieg zerstört wurde. Köln, Hamburg, Dresden - sie alle haben ähnliche Geschichten. Aber Düsseldorf hat eine Besonderheit: Es wurde fast vollständig neu gebaut. Keine alte Fassade, kein mittelalterlicher Hof, kein historischer Platz blieb erhalten. Die Stadt hat keine „authentische“ Vergangenheit - sie hat eine erinnerte Vergangenheit.

Das macht sie zu einem Beispiel dafür, wie Städte mit Trauma umgehen. Man kann nicht alles zurückholen. Aber man kann erinnern. Man kann den Raum, den das Leid einnahm, sichtbar machen. Düsseldorf hat nicht versucht, die Vergangenheit zu verstecken. Es hat sie in die Gegenwart integriert - mit Stille, mit Steinen, mit Namen.

Wie viele Menschen starben in den Luftangriffen auf Düsseldorf?

Mindestens 3.000 Menschen starben in den Luftangriffen auf Düsseldorf zwischen 1940 und 1945. Die meisten davon in den schweren Angriffen von 1943 und 1944. Die genaue Zahl ist schwer zu bestimmen, da viele Leichen unter den Trümmern verschwanden oder nicht identifiziert werden konnten. Die Stadtverwaltung hat später etwa 3.200 Namen dokumentiert, aber die tatsächliche Zahl liegt wahrscheinlich höher.

Warum wurde Düsseldorf so stark bombardiert?

Düsseldorf war ein wichtiger Industriestandort mit Fabriken, die Waffen, Panzer und Munition für die deutsche Armee herstellten. Außerdem war es ein zentraler Verkehrsknotenpunkt mit Eisenbahnlinien, Lagerhäusern und einem großen Hafen am Rhein. Die Alliierten wollten die Kriegsproduktion stoppen und die Moral der Bevölkerung brechen - daher wurde die Stadt systematisch angegriffen.

Welche Gebäude überlebten den Krieg?

Nur wenige Gebäude überlebten unbeschadet. Der Schlossgarten, die Burg, Teile der St. Aposteln-Kirche und einige Fachwerkhäuser in den äußeren Vierteln wie Oberkassel oder Lohausen blieben erhalten. Die meisten historischen Bauten in der Innenstadt wurden zerstört. Heute sind es vor allem die nach dem Krieg wiederhergestellten oder neu errichteten Denkmäler, die an die Vergangenheit erinnern.

Wurde Düsseldorf nach dem Krieg wie vorher wieder aufgebaut?

Nein. Düsseldorf wurde nicht wie vorher wieder aufgebaut. Die Stadt entschied sich für eine moderne, funktionale Gestaltung: breite Straßen, Betonbauten, Parkplätze und Einkaufszentren. Die historische Altstadt wurde abgerissen und durch Neubauten ersetzt. Nur wenige alte Straßenverläufe blieben erhalten - und selbst die wurden oft überbaut. Die Stadt hat bewusst auf Rekonstruktion verzichtet.

Gibt es heute noch Gedenkstätten für die Kriegsopfer?

Ja. Am Neumarkt steht ein Denkmal für die Opfer der Luftangriffe. In der Alten Synagoge, die 1998 neu eröffnet wurde, ist eine Gedenkstätte für die jüdische Gemeinde. In der Stadtbibliothek liegen Listen mit den Namen der Toten. Und in der Fußgängerzone der Altstadt sind Metallplatten in den Boden eingelassen, die zeigen, wo früher Häuser standen - als stille Erinnerung an das, was verloren ging.

Kommentare (3)

  • Günter Rammel

    Günter Rammel

    28 11 25 / 09:04

    Ich bin in Bilk aufgewachsen, und meine Oma hat mir erzählt, wie sie mit ihren Kindern im Keller saß, während die Bomben herunterkamen. Sie sagte, der Lärm war wie ein ewiger Sturm. Nach dem Angriff hat sie einen Schuh gefunden – nur einen, aus dem Stoff war alles verbrannt, aber die Sohle war noch intakt. Sie hat ihn nie weggeworfen. Manchmal denk ich, dass diese Stadt nicht aus Stein gebaut wurde, sondern aus Erinnerungen.

  • Thomas Lüdtke

    Thomas Lüdtke

    28 11 25 / 11:40

    lol die alte Stadt war eh kacke, die neuen Bauten sind viel praktischer 😅

  • Nadja Blümel

    Nadja Blümel

    29 11 25 / 19:22

    Ich find’s traurig, wie schnell man vergisst. Ich war letztes Jahr im Neumarkt und hab die Metallplatten gesehen. Hat mich echt berührt. Keine Worte, nur still stehen. Manchmal reicht das.

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