1932 Umbau und Erweiterung der Kirche St. Peter und Paul in Oer

Mit dem Aufkommen des Bergbaus um die Jahrhundertwende nahm die Bevölkerung in Oer, Erkenschwick und Rapan rasant zu. Trotz der Errichtung der katholischen Pfarrkirche, St. Josef, sowie der evangelischen Johanneskirche, im Jahre 1908, wurde der Kirchenraum von St. Peter und Paul für die vielen Gläubigen bald schon zu eng. So beschloss man, die St. Peter und Paul-Kirche, welche erst vor rund 40 Jahren Generalüberholt worden war bis auf den Turm und das Chor abzureißen und erweitert wieder aufzubauen. Treibende Kraft für dieses Vorhaben war der damalige Pfarrer Alois Mennemann.

Karl-Heinz Wewers

Die neue Kirche

Diplom.-Ing. Böll u. Dresler, Architekt, Essen

Wer von Recklinghausen oder Sinsen, von Erkenschwick oder vom Esseler Weg in die uralte Dorfsiedlung Oer kommt, dem zeigt sich - von der Verkehrsstraße einige Steinwürfe zurückgelegen - in ruhiger Beschaulichkeit der Kirchplatz und das Gotteshaus des Ortes.  Die den Platz umsäumenden Häuser, darunter sehr schöne in sauber und freundlich gestrichenem Fachwerk und Putz, geben an mehreren Stellen den Durchblick frei. Das schirmende Grün der Baumreihen, die uns den Weg der kirchlichen Prozession anzeigen, und der üppige alte Baumbestand lassen das freundliche Bild der alten Anlage noch heimeliger erscheinen. Auf einem Erdsockel, von einer niedrigen Mauer aus unbehauenem Gestein umgürtet, erhebt sich, fest verbunden mit der tausendjährigen Stätte, die Pfarrkirche von Oer. Aus der fast diagonalen Stellung auf dem unregelmäßigen Platz kann man ermessen, dass die Kirche in ihrem Kern die ganze Nachbarschaft, soweit sie von Menschenhand gebildet wurde, durch ihr ehrwürdiges Alter überragt. Die jetzigen Häuserzeilen und Wege haben sich, zum Teil parallel zu den Ortswegen, an den Kirchplatz herangeschoben.

Als vor einigen Jahren infolge der Enge des alten Gotteshauses und des gefährlichen baulichen Zustandes der Decke, einer Holztonne, die Frage der Erweiterung brennend wurde, da bestand der Kirchenraum aus einem schmalen Schiff von nur 7 Meter Breite und einem dem Chor vorgelagerten Querhaus.

                   Grundriss der Kirche
       1890 - 1932                   ab 1932
       Bearbeitung: Hans-Georg Kollmann

Dieses Querhaus sowie das Chor wurde 1890 in Ziegelsteinen errichtet, in den bescheidenen gotisierenden Formen der damaligen Jahre mit hohen Giebelwänden und Dächern, die in herausforderndem Gegensatz standen zu dem wohltuenden Äußeren des winzigen alten Kirchleins.

Der unter Denkmalschutz stehende, in seinem Kern romanische Turm mußte selbstverständlich erhalten bleiben. Ebenfalls sollte das Chor wieder verwendet werden. Die Aufgabe der Erweiterung fand ihre Lösung dadurch, dass die bisherigen Hauptschiffwände wegfielen und das Langhaus in der ganzen Breite dem des vorgelagerten Querschiffes bis zum Turm durchgeführt wurde. Das Bestreben, einen einheitlichen Gesamteindruch der Baumasse zu erzielen, führte zu diesem Ergebnis.

Die äußeren Umfassungsmauern der Chorpartie finden in den oberen Langschiffswänden ihre Fortsetzung, so das Chor und Hauptschiff wie ein Baukörper aus einem Guß bis zum Turm sich erstrecken. Die seitlich angeführten Schiffe greifen ein Stück um den Turm und bieten Raum für zwei Eingänge an den Ecken mit kleiner offener Vorhalle und Windfängen im Innern, für die Taufkapelle, eine Altarnische und eine geräumige Treppe zur Orgelempore. Die Turmfront mit dem Haupteingang hat durch die neue architektonische Einfassung eine wesentliche Bereicherung erfahren, während die Langwände, unterbrochen durch die rhythmische Folge der Rundbogenfenster, dem Bau die ruhige Monumentalität verleihen.


Modell St. Peter und Paul
Der silbergraue körnig Putz der Flächen und die lebebende Struktur des Ettringer Tuffsteins der Fenstereinfassungen und Eingänge lassen den Bau in schlichter Vornehmheit erscheinen. Das Kircheninnere ist - abgesehen von Chor und Nebenräumen - ein einziger großer Raum von nunmehr 17 1/2 Meter Breite, dessen Seitenschiffe sich ohne Stützen an das im etwa 3 Meter höhere Hauptschiff anschließen. Durch die starke Faltung der Decke wird der verhältnismäßig breite Raum gegliedert und belebt und in seiner Längenwirkung günstig beeinflußt. Diese Wirkung wird unterstützt durch die Ausführung der mittleren Decke als querlaufende Holzbalkendecke und die Behandlung mit farbigen Beiztönen, während in den Seitenschiffen flachere Balken, schlicht gebeizt, in der Längsrichtung verlaufen. Links und rechts der Choröffnung stehen die Seitenaltäre aus feingemasertem und gebeiztem Kiefernholz. Auch für die Kanzel war neben dem Triumphbogen der akustisch und optisch günstigste Platz. Die zum Teil in die Seitenwände eingelassenen Beichtstühle sowie die Kirchenbänke sind in satten Beiztönen gebeizt und lassen die lebhafte Oberfläche des Kiefernholzes vorteilhaft zur Geltung kommen. Die 14 Stationsbilder, 1878 von H. Volkhausen in Paderborn gemalt, die bisher in unschönen Rahmen wenig gut wirkten, wurden jeweils zu zweien zusammengefaßt und neu gerahmt. Ein neues in Kupfer getriebenes Taufbecken, dessen Unterbau aus dem Baumberger Sandstein der alten Seitenaläre gemeißelt wurde, ziert die Taufkapelle neben dem Haupteingang. Für das
Modell St. Peter und Paul
ewige Licht entwarf und schuf man einen neuen in Messing gearbeiteten Lichtträger. Zu der vorhandenen Sakristei wurde an gleicher Stelle gegenüber ein entsprechender Raum als Paramentenzimmer geschaffen. Eine zentrale Umlufteizung ermöglicht es, den Aufenthalt in der Kirche an kalten Tagen angenehmer zu machen.

Ein wichtiges Mittel der Raumgestaltung ist die farbige Behandlung. Von der Auswertung der Decke für diesen Zweck wurde bereits gesprochen. Ganz wesentlich für die Stimmung im Raum ist die Ausführung der Fenster. In jedermann verständlichen, ausgezeichneten Darstellungen und Symbolen flutet ein farbenfrohes Lichertspiel durch die bunten Gläser in den hellen Kirchenraum. Das abgedämpfte Venezianischrot der Fensterleibung rahmt die Öffnungen vorteilhaft ein, während die großen Flächen im Chor und Schiff in lichten Tönen gestrichen sind, geeignet, die Weiträumigkeit zu steigern. Konstruktive Architekturglieder in dunkleren Tönen geben dem Raum Haltung und Belebung.


Modell St. Peter und Paul
Man muß an dieser Stelle darauf verzichten, auf die vielen technischen und praktischen Einzelheiten hinzuweisen, die zur Ausnutzung und Verbesserung der vorhandenen Anlage, zur Kostenersprarnis bei der Planung, Ausführung und Einrichtung wesentlich beitrugen. Jedoch darf darauf hingewiesen werden, daß der dem Herrn Regierungsbaurat Arntzen in Münster zur Begutachtung vorgelegte Kostenanschlag in Höhe von 49 000,-- RM bei der Abrechnung nicht erreicht wurde, so dass das Bauprogramm um die Anlage einer Heizung für 2 300,-- RM und die Werksteineinfassung der Öffnungen erweitert werden konnte. Das ist bei der Schwierigkeit der Bearbeitung von Umbauprojekten infolge der vielfach vorher nicht zu erkennnden Hindernisse ein erfreuliches Ergebnis, da eine bis ins kleinste gehende Durchdringung der Aufgabe durch die bearbeitenden Architekten voraussetzt. Die Verwendung eines Teiles noch guten Altmaterials trug auch dazu bei, mit verhältnismäßig geringen Kosten ein umfangreiches Bauwerk zu errichten. Dieses Resultat aber konnte nur erreicht werden durch die eingehende und unverdrossene Mitarbeit und Beratung des nimmermüden Pfarrers Mennemann, der überdies noch die Sorgen der heute so schwierigen Geldbeschaffung in großen und kleisten Beträgen auf seinen Schultern trug.

Die Zeiten lustigen und nicht selten unverantwortlichen Bauens zurückliegender Jahre sind ernsteren Zeiten gewichen. Die Aufgabe, wie sie der Neubau der Kirche von Oer stellt, ist typisch zu nennen für unsere Zeit. Mancher ehedem geplante Neubau muss notgedrungen der bescheideneren Ausführung einer Erweiterung des Vorhandnenen weichen. Für den planenden Baumeister aber kann gerade eine solche Aufgabe von besonderem Reiz sein, zumal wenn es gelingt, das neue Werk mit dem alten, den Zeugen altehrwürdiger Kultur, zu einer machtvollen Einheit zu verschmelzen. Zwar sind die Wege und Möglichkeiten durch die zahlreichen Bindungen durch das Vorhandene ungleich schwieriger, die Befriedung aber bei vollem Gelingen wird um so mehr lohnen. Die heute meist knappen Mittel und die mühsam zusammengebrachten Groschen aus einer tapfer ringeden Gemeinde würden es verantwortungslos erscheinen lassen, auf die Verhältnisse und die Krisenzeit wenig Rücksicht zu nehmen und um privater Künstlerideen willen vermeidbare Kosten zu verursachen. Es lohnt sich, bei Bauten, die dem Allerhöchsten dienen, und die für Menschenalter stehen werden, das Letzte und Beste mit den vorhandenen Mitteln herauszuholen. Der fleißigen und tüchtigen Mitarbeit der Handwerker und Lieferanten der Kirche soll hier dankbar gedacht werden, ebenso derer, die opferwillig durch eine Stiftung oder Spende den Bau und seine Einrichtung gefördert haben.

Die Erbauer der neuen Kirche St. Peter und Paul 1932/33
2. v. l., Pfarrer Alois Mennemann

Nun mag es wundern, dass ein Aufsatz über einen Kirchenbau fast zu Ende ist und man hat immer noch nichts gehört über den Baustil der neuen Kirche. Ob "alter oder moderner" Stil, wie der Laie heute zu fragen pflegt. Dass diese Frage zuletzt behandelt wird, mag zu erkennen geben, dass sie eigentlich nur deshalb wichtig ist, sofern es gelingt, auch durch diese Zeilen mit dazu beizutragen, in das langsam sich klärende Chaos der Anschauungen der vergangenen Jahrzehnte und auch noch der letzten Jahre ein wenig Licht zu bringen. Abgesehen von ganz seltenen Ausnahmefällen und besonderen Liebhabereien wird heute nur noch - wie das auch gar nicht anders sein kann - "modern" gebaut. Das bedeutet aber nicht den radikalen Bruch mit der guten alten, vielleicht ewig gültigen Tradition; das bedeutet nicht das ängstliche Bestreben, auf jeden Fall Neues, nie Dagewesenes zu schaffen.
Modern bauen soll nichts anderes bedeuten als mit gutem Können und mit einer anständigen Baugesinnung, die das Marktschreierische, Nurmodische haßt, verantwortungsbewußt an die Lösung der Bauaufgabe heranzugehen, unter verständnisvoller und feinfühliger Verwertung neuer Baustoffe und Möglichkeiten, unter sinnvoller Verwendung der Architekturmittel der guten Tradition. Das zu dem guten Erbe, das sich immer wird sehen lassen dürfen, jene feinen Schmuckformen gehören, die nach dem allgmeinen Urteil nicht angekränkelter Menschen als schön angesehen werden, sei hier noch besonders erwähnt.

Die Kirche von Oer wurde nach solchen Grundsätzen geplant und ausgeführt. Wie wenn er bereits immer dagestanden hätte, fügt sich der neue Bau den verschiedenen Bauepochen als mächtiger und doch maßvoller Baukörper harmonisch ein. Im Innern sehen wir den großen Raum ohne Stützen. Kein Alltagsraum, und doch scheinen uns die Formen allenthalben vertraut.

Die Kirche zu dem Heiligen Petrus und Paulus in Oer steht auf uralter, geheiligter Erde. Seit vielen Jahrhunderten deckt hier der grüne Rasen die Toten des Dorfes. Das Ehrenmal für die Gefallenen im großen Kriege hat sich ihnen zugesellt. Die Toten unter dem Rasen, die gewiß zu Lebzeiten schon mit der mütterlichen Erde stärker verbunden waren als wir Menschen von heute, sie schufen einst mit gesundem, natürlichem Empfinden, aber gewiß auch unter Mühsalen - und das mag uns Lebenden Leitstern sein in schweren Erdentagen-, sie schufen mit ihrer ganzen Seele zur größeren Ehre Gottes.

Dipl.-Ing. Böll u. Dresler, Architkten, Essen.

Fotos von der neuen Kirche und deren Errichtung

Fotos von der alten Kirche und deren Teilabriss

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