Die Geschichte der alten Dorfkirche St. Peter und Paul von 1287 bis zum letztmaligen Umbau im Jahre 1932

Karl Kollmann

Aus der Geschichte der alten Dorfkirche Oer
Vergilbte Blätter erzählen

Die Kirche zu den Heiligen Petrus und Paulus in Oer wird bereits im Jahre 1278 im "liber valoris", einem aus dem 13. Jahrhundert stammenden Verzeichnis der zur Erzdiözese Köln zählenden Kirchspiele, als Pfarrkirche bezeichnet.
Von den Mauern des Turmes und des alten Langhauses der Kirche dürfen wir wohl annehmen, dass sie in ihrem Kern in diese Zeit, in ihren Fundamenten in eine vielleicht noch frühere Bauperioden zurückreichen.

Wir erfahren, dass Engilbertus, der frühere "Pastor de Horneburg", im Jahre 1333 als Rektor der Kirche in Oer genannt wird. Wir hören in den Jahren 1494 und 1515 einen Liebfrauenaltar in der Kirche erwähnen. Sie war eine der sieben Kirchen, die bis zum Ende des 17. Jahrhunderts als Tochterkirche zu Recklinghausen gehörten. In den Archiven finden sich über die früheren Zeiten nur spärliche Nachrichten. Reichlicher, zum Teil sehr ausführlich, haben sich

     13. Jh.                   1684 - 1890                 1890 - 1932
                  
                                 Grundriss der Kirche
             Bearbeitung: Hans-Georg Kollmann 1998
die Aufzeichnungen über die spätere Zeit erhalten.

Durch den großen Brand im Jahre 1676 waren das Dorf Oer und die Kirche vollständig in Asche gelegt worden. Nur Elend und Jammer sah mal allenthalben im Dorfe. Für den Herrgott, für Mensch und Vieh keine Bleibe mehr. Aber mit frischem Mut ging man an den Wiederaufbau der Häuser und der Kirche.
Einstweilen wurde der Gottesdienst auf dem Schulten-Hof (Schulte-Oer) abgehalten; auch wurden hier die heiligen Sakramente gespendet. Je nach Witterung feierte man den Gottesdienst im Freien, und zwar auf dem Dreischenkamp. Im Jahre 1677 hatte man die neuen Balken in der Kirche wieder verlegt. Beim Kirchenbrande waren beide Glocken geschmolzen. Man bemühte sich, zunächst wenigstens eine wiederzuerlangen. Aus der beim Brande zurückgebliebenen Schmelzmasse wurde im Jahre 1678 durch den Glockengießer zu Steele die große Glocke gegossen und vor Nettelbecks (jetzt Fleitmanns) Behausung aufgehängt und daselbst gläutet. Der Schmied, Wim Schmatter, half beim Aufhängen, wenigstens beschlug er den Tragebalken, die Achse der Glocke. Groß war die Freude des Dorfes über diese Wiedererlangung. Denn das Traktement bei der Glockentaufe - es wurde "einer ausgegeben" - berechnete sich auf 5 Reichsthaler. Im Jahre 1678 wurde eine neue Kommunionbank beschafft. Die Knechte von Suderwich kamen in edler Weise der so schwer heimgesuchten Nachbargemeinde zu Hilfe durch Schenkung eines gemalten Bildes des Kirchenpatrones, des hl. Petrus. Der Hochaltar wurde ebenfalls 1678 durch Vincenz Schröder aus Sinsen, der in Haltern verheiratet war, aufgerichtet. Ursprünglich stand er da in rohem Eichenholz. Erst 12 Jahre nachher, 1690, wurde er ziemlich reich "iluminiert" gemalt und vergoldet für 20 Reichsthaler, 3 Fuder Holz und die Kost.
Im Jahre 1684 erneuerte man die Gerätekammer, die Sakristei. Hierzu spendete Johann Brinkmann 33 Kannen Bier an die Maurer. 1686, also 10 Jahre nach dem Brande, begann man wieder den Turm zu errichten. Oben am Turm in der eisernen Verankerung ist heute noch die Jahreszahl 1687 zu lesen. 1689 war der Turmbau im Gebälk vollendet. Man setzte das Kreuz auf den Turm, wobei man die notwendigen Leitern von Suderwich benutzte. Im gleichen Jahr wurde der Gang in der Kirche gepflastert. Die Lieferung der Pflastersteine ward öffentlich für 13 1/2 Reichsthaler verdungen. Erst 1691 wurde der Turm gedeckt, und zwar mit 15 Rys alter und 15 Rys neuer Leien für 81 Reichsthaler. An Tafelblei wurden 100 Pfund verbraucht zu 5 1/4 Reichsthalern. Noch zum Schluss des Jahrhundert, nämlich 1699, erhielt der Turm eine neue Uhr. Das Uhrwerk als solches kostete 40 Reichsthaler. Außer seinem Arbeitslohn bekam der Uhrwerksmeister 2 Fuder Holz. Diese Uhr war aber wohl nicht günstig ausgefallen; denn Jahr für Jahr waren Reparaturen notwendig, bis man 1740 mit dem Uhrmacher Vilhagen in Recklinghausen einen Vertrag dahin abschloss, dass er jedes Jahr fortab für 1 Reichsthaler die Uhr in Gang und Stand zu halten hatte. 1714 erhielt die Kirche einen neuen Taufstein zum Preise von 6 Reichsthalern. Es ist begreiflich, dass die durch den Brand fast verarmte Gemeinde nicht imstande war, alles Notwendige auf einmal zu beschaffen. Ferner, dass die Geistlichkeit durch Kollekten auch außerhalb der Pfarrei Beihilfe für die Restauration zu erlangen suchte. So kollektierten im Jahre 1703 der damalige Vikar Schwacke  und Schulte-Oer auch in Speckhorn, Erkenschwick und Börste. Als das Notdürftigste nach und nach wieder beschafft war, fand im Jahre 1710 die erste feierliche Visitation der Kirche statt, die zweite 1717 durch den erzbischhöflich-kölnischen Generalvikar der Reux.

Im Jahre 1738 wurde das Dach der Kirche mit Dachpfannen von Castop neu eingedeckt. Eine durchgreifende und, wie es scheint, einheitliche Restauration der Kirche begann 1765. Hierfür hatte man mehrere Umstände abgewartet, nämlich einmal die angebrochene Friedenszeit nach den Schrecken und Verheerungen des Siebenjährigen Krieges, sodann die Ansammlung einigen Kirchenvermögens in barem Gelde. Bisher hatte man durchweg die laufenden Jahresrechnungen mit Schulden abschließen müssen. Im Jahre 1765 stand dagegen ein  allerdings nur geringer Überschuß zur Verfügung. Als weiterer günstiger Umstand kam die Bewilligung einer Hauskollekte in der Umgegend seitens des Hochw. Domkapitels zu Köln hinzu. Das Kapitel ging auch mit guten Beispiel voran, indem es durch seinen Verwalter Schoras 50 Reichsthaler als eigene Gabe anweisen ließ. An größeren Gaben steuerten ferner bei: Ihre Exelenz Frau Statthalterin 10 Reichsthaler, ebenso Se. Exzellenz, der Oberjägermeister Graf zu Lembeck, 3 1/2 der hochw. Kommisarius. Ferner wurden 2 1/2 Reichthaler Strafgelder aus dem Dorfe und aus Alt-Oer "wegen Holzaffairen" dem Kirchbau zugewandt. Die in der Stadt Recklinghausen abgehaltenen Kollekten brachten im ganzen 4 1/2 Reichsthaler. Die Bauerschaft Essel lieferte 1 1/2 Scheffel Roggen, die Meiersche (Schultenfrau) zu Leichting, die zu Brüninghoff und die zu Herrenpoth trugen je 1/2 Scheffel bei.

Im Jahre 1765 legte man einen eigenen Ziegelofen an, "als woraus man gehofft, etwa 100 Reichsthaler zum Behufe der Kirche zu profitieren". Das Unternehme missglückte aber, teils aus Nachlässigkeit des Ziegelbrenners Laps, teils aus Fahrlässigkeit des Kirchspiels selber nach dem abgedroschenen Sprichwort: "Was viele angeht, geht niemanden an." Für diese Ziegelei wurden Steinkohlen benutzt, 8 Fuder, welche man auf`m Pütt mit 14 Reichsthalern zu bezahlen hatte. Den notwendigen Kalk zum Bauen bezog man aus Werden. Die einzelnen beim Bau tätigen Handwerksmeister waren allesamt aus dem Veste.

Im gleichen Jahre, also 1765, baute man die neue Sakristei; zur selben Zeit wurde eine neue Orgel für 150 Reichsthaler zu Datteln fertiggestellt. Am 22 April 1766 ist sodann die Orgel approbiert worden, wobei ein feines Traktement für 15 Personen spendiert wurde.

Im Jahre 1769 zersprang die kleine Glocke, blieb jedoch bis 1770 im Turm hängen. Dann aber wurde sie zu Mülheim umgegossen und um 98 Pfund schwerer, so dass ihr Gewicht 705 Pfund betrug. Im wesentlichen blieb nun, von diesen Jahren an, die Kriche etwa 120 Jahre hindurch unverändert.

Im Jahre 1887 unternahm Pfarrer Woldering eine umfangreiche Restauration der Kirche und des Turmes. 1890 wurde das Chor der Kirche aufgebrochen; dabei erfuhr sie an dieser Seite hin eine bedeutende Vergrößerung, so dass jetzt eine Kreuzkirche geschaffen war. Unter dem 09. Mai 1890 findet sich in den Schulakten folgende Notiz:
"Heute wurde der Grundstein zur neuen Kirche gelegt, nachdem voher ein feierliches Hochamt und danach eine Prozession um die Kirche stattgefunden hatte". Es wurden ein neuer Hochaltar, ein Seitenaltar, eine Kommunionbank und eine Kanzel beschafft; später auch eine neue Orgel. Die Kirche erhielt für den neuen Teil neue Bänke und zwei Beichtstühle. Der aus Oer gebürtige, viele Jahre in Amerika tätig gewesene Pfarrer Pieper, päpstlicher Hausprälat, schenkte der Kirche eine Herz-Jesu- und eine Herz-Mariä-Statue, ebenso eine Gruppe "Tod des hl. Josef" aus weißem Baumberger Sandstein. Die vorläufige Einsegnung der Kirche wurde am 13. November 1890 durch Pfarrer Woldering vorgenommen: die feierliche Einweihung erfolgte am 7. Juli 1891 durch Bischhof Hermann. Später wurde die Kirche von Kunstmaler Felix Schöder aus Recklinghausen ausgemalt.

Besondere Änderungen erfuhr nun das alte Dorfkirchlein nicht mehr. Wohl ließ Pfarrer Mennemann im Jahre 1915 durch den Kirchenmaler Glünz aus Münster das Innere erneut ausmalen. Bei dieser Gelegenheit wurde auch der Seiteneingang mit einem Windfang versehen.

Nun ist die "alte Kirchen-Geschichte" zu Ende. Ein neues schmuckes Gotteshaus ist erstanden, das heute, am 05. Oktober 1933, durch den Hochwürdigsten Herrn Weihbischhof Dr. Josef Scheifers feierlich eingeweiht worden ist.
Möge der gütige Gott das neue Gotteshaus, seine Priester und all die Gläubigen unter seiem Schutz nehmen und segnen.

Karl Kollmann, Hauptlehrer

Fotos von der alten Kirche und dem Teilabriss um 1890

Der nächste Bericht veranschaulicht den Umbau der Pfarrkirche im Jahre 1932

 

 

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