Vom Eiszeitalter in Oer
Karl Brand, Emschermuseum
Vestisches Jahrbuch 1961

Eiszeitlicher Kames am Südrand der Haard, Entstehung des Kaninchenberges

Im Kreis Recklinghausen gibt es eine große Anzahl pleistozäner (Pleisto­zän ist die neue wissenschaftliche Bezeichnung für das Eiszeitalter oder Diluvium) Erscheinungen, Bildungen und Klimaeinwirkungen, die teils unbekannt und teils ihrer Entstehung nach umstritten sind 1).

Zunächst sei auf eine Spezialbildung aus einer Kaltzeit (früher auch Eis­zeit genannt) am Südrande der Haard nordwestlich von Oer hingewiesen. Hier befand sich etwa 350 m nordöstlich des Kaninchenbergs bis vor wenigen Jahren eine Sandgrube, die erst nach 1945 angelegt worden war. Die Wände dieser Ablagerungen waren bis 4 Meter hoch und bestanden aus einem gelblichen, stellenweise eisenschüssigem Sand, der nicht zu dem primären Sand der Haard passte. Letztere gehören zeitlich und ihrer Ent­stehung nach zur Oberen Kreideformation, zur Unterstufe des Unter Senons der Halterner Fazies. Die in der Sandgrube anstehenden Sande stammen ihrer Masse nach aus dem Untergrund der Haard, sind aber im Pleistozän umlagert worden, wie insbesondere etwa nußgroße Findlings­gesteine aus den skandinavischen Ländern erweisen (Reste dieser Sande stehen in der ehemaligen Sandgrube noch an).

Zunächst war die Entstehung dieses flachen Sandhügels, in dem die Sand­grube angelegt war, nicht zu erklären, bis der führende Pleistozängeologe Paul Woldstedt diese Ablagerung erklärte 2). Danach haben wir hier noch einen echten Kames vor uns, spezieller einen Kernkames. Kames nennt man eine Schmelzwasserbildung besonderer Art. In breiten Rinnen in der abschmelzenden Inlandeisdecke sammelten sich Schmelzwasser des Inlandeises und flossen in Richtung des Rinnengefälles ab; in unserem Falle Südwest in Richtung auf den Kaninchenberg3). Sehr wahrscheinlich gehört dieser noch zu unserer Kamesbildung. Das wird eigentlich zur Gewissheit, denn die Kamesablagerungen in der genannten Sandgrube hängen mit dem Kaninchenberg zusammen, wie auch die Höhenkurven auf dem Messtischblatt Recklinghausen zeigen; besonders hervorstechend die Hö­henkurven 80 Meter ü. NN.

Nun besteht der Kaninchenberg teils aus Kiesen mit heimischem und nordischem Geschiebe. Daraus darf geschlossen werden, dass die Transport­kraft des "Kamenflusses" namentlich anfänglich stärker war und auch die schweren Gerölle transportieren konnte. Vielleicht stellt der Kaninchen­berg die Mündung des Flusses aus dem Kames dar, so dass es hier zur Aufschüttung eines Schuttkegels kam. Diese Kamesbildung war ursprüng­lich höher, ist aber durch Jahrtausende verflacht. Nach dem genannten Messtischblatt ist der Kamessand heute an der Basis (in der Höhe des Rüslinghofes) etwa 750-800 Meter breit und erhebt sich heute bis zu einer Höhe von etwa 10-12 Meter.

Die Schmelzwasserrinne wurde durch das hindurch fließende Wasser ver­tieft und verbreitert, was später durch die Auflagerung von Sand ver­langsamt wurde.

Schließlich schmolz auch das die Rinne bildende Inlandeis ab und die Folge davon war das Einstürzen der beiden Langwände der Sandablage­rung, da sie ihre Stützen verloren hatten 4) . Daher fallen die Seitenflächen eines heutigen Kames, der durch die viele Jahrtausende lange Lagerung stark verflacht ist, von der Stelle an schräg nach außen ab, wo früher die Eiswände standen (siehe Abb. 2). Speziell den Kernkames macht aber eine weitere typische Erscheinung aus. Im Verlaufe der Zeit greift das Schmelzwasser namentlich den Boden des

 

 

Abb. 1. Schematische Darstellung der Bildung eines Kernkames. Nachgezeichnet nach P. Woldstedt (2), Abbildung 60.

a = Schmelzwasser in einer Rinne im Toteis ,  b = das Schmelzwasser in der Rinne (= Flußbett) wäscht den Boden der Eisrinne aus,  c = der Eisboden ist verschwunden. Es setzt der Druck der Eisseitenwände auf den Untergrund ein, der sich infolge des starken Druckes in der Mitte aufwölbt,  d = das Toteis ist gänzlich abgeschmolzen; zurück blieben die Sande und Kiese aus dem Flussbett im Eise und darunter der aufge­wölbte Untergrund (Kern). Erstere sind total verflacht.

 

Abb. 2. Die östliche Seite des Kernkarnes am Haardsüdrand, nordwestlich von Oer. Der Pfeil zeigt die Abbruchstelle der Ablagerungen nach Osten, wo ehedem die öst­liche Seitenwand der Flussrinne im Toteis stand; bis zum Pfeil von links gesehen liegen hier die Sande waagerecht und fallen vom Pfeil an nach rechts (Osten) unver­mittelt schräg nach außen ab. Foto 1953.

Inlandeises an und schmilzt ihn allmählich ganz fort, so dass das flie­ßende Wasser den Untergrund angreift. Da nun der Eisboden in der Rinne nicht mehr den Druck der Eisseitenwände auffing, drückten diese auf den erdigen Untergrund und zwar so stark, dass sich dieser in der Mitte zwischen den Eiswänden emporwölbte, einen lang durch die Rinne sich hinziehenden niedrigen Rücken oder Buckel bildend.

Hier am Haardsüdrand lag unter dem Kernkames eine Schicht Grund­moräne, wie es auch anderswo beobachtet worden ist, wovon in der Mitte Teile hochgepresst worden sind. All das hier erwähnte war auch am Haardsüdrand zu sehen, die abgestürzten Seiten der Sandaufschüttung in der ehemaligen Inlandeisrinne und der in der Mitte der Rinne aufgepresste Untergrund (Abb. 3). Das Vorkommen dieser Grundmoräne unter (1) der Kamesablagerung beweist, dass die Inlandeisdecke schon weiter vorge­stoßen war und so die Grundmoräne zurückließ. Bei dem durch Ab­schmelzen bewirktem Rückzug des Inlandeises entstand der Kames. Wir haben somit nachgeschüttete (im Gegensatz zu vorgeschütteten, beim Vordringen der Inlandeisdecke) Ablagerungen, vor uns. Voraussetzung ist bei dieser Klassifizierung, dass nur eine einzige (!) Inlandeisdecke unser Heimatgebiet überfuhr, so dass Grundmoräne und Kernkames einer ein­zigen Inlandeisdecke angehören. Überfuhren aber zwei Inlandeisdecken unser Gebiet, kann die Grundmoräne der zuerst angekommenen ange­hören; in diesem Falle müssten wir bei den Kamesablagerungen von vorgeschütteten Sanden sprechen 4). Diese Frage vor- oder nachgeschüttet möchte ich hier nicht entscheiden.

Nachdem am Haardsüdrand ein echter Kernkames beobachtet worden ist und zwar durch die Anlage einer Sandgrube, ist anzunehmen, dass hier weitere nach Südwest verlaufende flache Sandhügel solche Kames sind und wesentlich zur Oberflächengestalt dieses Gebietes beigetragen haben.

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 1)    K. Molly, Bemerkenswerte geologische Aufschlüsse im Vest Recklinghausen,

   0, Müller, Eiszeit und Eiszeitmensch,

beide in Vestische Zeitschrift, 37. Bd., 1930, S. 1-59.

2) Im Jahre 1953 hat sich Prof. Dr. Paul Woldstedt, Bonn, - er ist u. a. Verfasser des zweibändigen Werkes "Das Eiszeitalter“, F. Enke Verlag, Stuttgart, des grund­legenden Werkes über das Pleistozän, - mehrere Tage unsere heimischen pleisto­zänen Ablagerungen usw. angesehen und gedeutet.

3) K. Molly, a. a. 0., S. 13 und 14.

4) P. Woldstedt, a. a. 0., S. 130, "Gelegentlich hat bei der Aufschüttung kames­artiges Gebilde das Eis nur die eine Wand gebildet, während an der anderen Seite ein Talhang oder sonstige Erhebung lag." Ähnlich hat sich K. Molly a. a. 0., S. 14 ausgesprochen. Nur nimmt er zwei Talwände an.

5) Jahrzehntelang wurden diese u. a. Aufschlüsse von dutzenden Exkursionen immer wieder aufgesucht, namentlich unter Führung von Dr. Ulrich Stensloff (+), K. Molly, 0. Müller. Seit einigen Jahren ist das nicht mehr der Fall; uns fehlt jetzt der Nachwuchs, wie auf anderen Gebieten der Heimatforschung.

 

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