1642 - 1665 Die Äbtissin von Flaesheim Anna Maria von Ketteler im Streit mit ihren Eigenhörigen
Clarenbach

Nach der Eroberung Dorstens durch die Kaiserlichen 1641 lagen die Äcker brach. Das Vieh war zum großen Teil für die Belagerungstruppen weggetrieben worden. Von den Kanzeln in Flaesheim, Oer, Waltrop und Datteln ließ die Äbtissin verkünden, dass die Äcker wieder bestellt werden sollten. Bei der Pacht würde sie großzügig mit sich reden lassen. Tag und Nacht schufteten die Bauern, liehen sich Saatkorn etc. (1) Als das Korn reifte, waren erst einmal Kontributionen (2) fällig. Die Bauern hatten gehofft, dass die Äbtissin nur die halbe Pacht verlangen würde. Sie aber vergab die Einziehung des Korns an einen „auslendischen gärberer“, der jede 4. Garbe einziehen und abfahren ließ. Die Bauern schrieben einen Bittbrief an den Statthalter. Früher hätten ihre Voreltern die 4. Garbe geben müssen, bevor die Pachtabgabe mengenmäßig festgelegt war und Stroh“ behalten dürfen, während der Einnehmer nunmehr alles abführe. Außerdem beschwerten sich die flaesheimischen Eigenhörigen darüber, dass die Äbtissin eine große Schafherde hielt, die sie auf ihrem Land weiden ließe.

Gegen die „widerspenstigen Bauern“ ging die Äbtissin mit gewaltsamen Pfändungen vor. Sie gewann u.a. den Junker Dobbe zum Vogelsang mit seinen Knechten dazu, ihr zu helfen. (3) Der Kurfürst Ferdinand verbot allerdings die gewaltsamen Pfändungen (4) und verwies auf den Rechtsweg.

Viele Bauernhöfe lagen damals wüst. Fremde wurden angesiedelt, um das Land zu bestellen. Eigentlich musste sich jeder erst „huldig und hörig“ machen, der einen Hof übernahm; evt. Freibriefe waren beim Amtmann von Flaesheim abzugeben. Diese Rechtsakte unterblieben aber wohl in den turbulenten Zeiten des 30-jährigen Kriegs. Darum waren viele der neuen Bauern Freie, besaßen Freibriefe oder fühlten sich aus anderen Gründen nicht als Leibeigene des Stiftes Flaesheim. Sie verweigerten darum dem Stift den Gehorsam. Die Rapener Bauern Johan Schulte zu Hubberting (Schulte-Hubbert) und Johanßen Wießmann richteten 1645 deswegen sogar eine „Supplication“ (Bittschrift) an den Kurfürsten (5), in der sie sich über die „thätliche pfandung“ der Äbtissin beschwerten. Der Kurfürst untersagte daraufhin die Pfändungen und forderte rechtliche Beweise, dass die Bauern Hörige des Stift seien.

Auch das Dienen der Kinder am Stift war den Bauern ein Dorn im Auge. Die Rapener Bauersfrauen Elisabeth Lindemann und Anne Breimann richteten 1647 eine Bittschrift an den Statthalter. Die Männer wären im Krieg erschossen worden und die Töchter ihre einzige Stütze. Der Statthalter notierte, dass er darüber mit dem flaesheimischen Amtmann Frantz Uphoff (6) sprechen wollte. Im selben Jahr aber verließen drei andere Töchter den Flaesheimer Zwangsdienst und gingen einfach nach Hause. Dem Vogt von Flaesheim, der die Tochter des Bauern Stimberg (7) zurückholen wollte, schlug der Bauer „mit einer grepen ein loch ins haubt“ (8) Der Statthalter von Nesselrode, von der Äbtissin als „lieber Vetter“ angeschrieben, erlaubte erst Pfändungen, wurde dann aber wohl durch einen „churfürstlichen befelch“ zurückgepfiffen. Den Sinneswandel des Statthalters nahm die Äbtissin mit „verwünderungh“ zur Kenntnis, schrieb von wohl „vorgelauffenen hochwichtigen occupationen“ des Statthalters, d.h. Arbeitsüberlastung, was wohl zu diesem gegensätzlichen Befehl des „Herrn“ geführt hätte. Selbst der Hofrat und viele Rechtsgelehrte diskutierten über die besondere Art der Hofhörigkeit im Vest Recklinghausen (9),  was wohl in Deutschland einmalig war.

Erst gegen 1654 setzte sich die Äbtissin gegen ihre Bauern weitgehend durch (10), die in Gerichtsurteilen  für „vollschuldig leibeigen“ erklärt wurden, z. B. Johan Schulte-Bockum und Consorten. Kostenrechnungen über die Prozesse sind erhalten, eine über 550 Reichstaler. (11)

Eine große Prozeßakte gegen Johan Gödecken (12) aus Lenkerbeck liegt vor.(13) Auch die Kötter von Flaesheim probten den Aufstand. (14)

Doch schließlich setzten sich die alten Kräfte nach den Wirren des 30-jährigen Kriegs durch. Als aber 1663 (15) die Äbtissin unentgeltliche Arbeit bei der Errichtung des Turms der Stiftkirche (16) verlangte, brach der Aufstand wieder aus.

Doch das ist schon eine neue Geschichte.

Anmerkungen:

1)   HAA VIII B Nr. 42 a  S.303/304

2)   Nach einer Vereinbarung hatte das Vest an denjenigen Zahlungen zu leisten, der Dorsten besaß. Die Hessen, die Dorsten verloren hatten, verlangten aber noch rückständige Zahlungen; an die Kaiserlichen waren nun aber schon neue Gelder zu zahlen.

1)   wie 1 S.288

2)   wie 1 S. 293

3)   wie 1 S. 289

4)   Er wurde später Bürgermeister von Recklinghausen

5)   Stimberg in Bockum, nicht Erkenschwick

6)   wie 1 S. 285

7)   wie 1 S. 243/44

8)   wie 1 S. 41/42

9)   wie 1 S.149

10) In Erkenschwick gab es auch ein Gödecken! S. Das Vestische Lagerbuch von 1660-bearbeitet von Werner Burghardt Münster 1995

11) HAA VIII B Nr. 78

12) HAA VIII B Nr. 79

13) HA VIII B Nr. 62 -Einlage

14) Ein Sturm hatte den alten zerstört.

  (C) by  Karl-Heinz Wewers / WEBDESIGN