1614 Neues aus der Geschichte der alten Oerer Haard (Mark)
Gerhard Clarenbach
Vestischer Kalender 1999, S. 93ff



Im Vestischen Kalender 1997 deutete der Autor in dem Artikel über die Teilung der Oerer Mark schon an, dass es aus der Zeit vor 1800 vieles aus diesem Gebiet zu berichten gibt. Der 1. Teilbeitrag beschäftigt sich mit dem Gebiet Johannes / Heiliger Baum. Im 2. geht es um Holthausen / ehemalige Jugendherberge Oer


1614 - Nachrichten von der
Ortschaft Bockholt in der Haard

Am Oer-Erkenschwicker historischen Wanderweg in der Haard steht auf dem Wege zum Standbild 

Kreuz am Heiligen Baum, dahinter St.Johannes.

des "Johannes" ("Heiliger Baum") das Schild "Boggeler Hiege". In dieser Gegend soll die Ortschaft Bockholt gelegen haben. Bekannt ist, dass es drei Dingstätten in der Oerer Mark gegeben hat, wo das Markengericht tagte, nämlich Oer, Sturmbke und Bockholt (Boucholt). Von Bockholt fanden sich nunmehr einige Nachrichten von drei Bauernhöfen.


Der Ravenshof
"Am 30. Oktober 1278 kaufte das Stift Flaesheim von dem Edlen Wilhelm von Ardey dessen bei dem Hof Bocholt in der Hardt und im Kirchspiel Oer gelegenen Güter für 4 Mark Dortmunder Geldes", zitiert schon Pennings.1)Es ist der Ravenshof. Auf dem Brandzettel von 1578 2) steht der Ravenshorst mit 6 Bränden' für "Juffer Anna von Westrumb". Auch 1601 und 1613 werden die Brände noch genannt, obwohl der Hof wohl schon nicht mehr existierte. Selbst 1618 ist noch aufgeführt  "Stift Flaßum wegen Ravenßhorst 6 Rechte" 4)


Der Hof Bockum
Auch das Domkapitel besaß in der Ortschaft Bocholt einen Hof, auf dem das Holzgericht tagte. Nur in einer Archivalie fand sich darüber eine Nachricht.5) 1610 hielt Johann von Gysenberg auf dem Hof Bockum in der Haard ein Erbholting .6) Das Kölner Domkapitel, das sich als Erbholzrichter der Oerer Mark fühlte, protestierte über seinen Verwalter Arnold Schaumburg. Nur letzterer könne im Auftrag des Domkapitels ein Holting veranstalten. Weil aber bei den schlimmen Zuständen in der Mark ein Holting unbedingt notwendig war, nahm das Domkapitel die Veranstaltung hin, beauftragte aber seinen Verwalter, keine "Neuerungen" zuzulassen. Auch gegen den "Markenumbzugh" hatte es nichts einzuwenden, machte jedoch unmissverständlich klar, dass nur das Domkapitel "ausschreibender Markenrichter" sei.

Dass der Hof damals noch existierte, ist nicht anzunehmen, doch war die Tradition des Gerichtsplatzes auf dem Hofe Bockum noch sehr lebendig. Selbst in viel späterer Zeit mussten sich die Malenburger ihr Fuder Brandholz von den Schernen der Oerer Mark dort am Heiligen Baum zuweisen lassen.8)

Der Rive-Hof
(Hof Boickholt, Bocholt Boikum
Über diesen Hof liegt eine größere Archivalie vor9), die etwas Licht in das Dunkel der Geschichte des Gebietes am Heiligen Baum bringt. Im Jahre 1614 bittet der Recklinghäuser Bürger Lucas Rive den Kurfürsten in einer "Supplication" (Bittschrift) um Rückgabe seines Hofes Boickum in der Haard, verbunden mit dem Recht, pro Woche ein Fuder Brandholz in der Haard zu schlagen. Der Hof selber existiert nicht mehr. Er ist im Kölnischen oder Truchsessischen Krieg (1582/83) zerstört und nicht wieder aufgebaut worden. Rives Eltern sind damals gestorben. Er selbst war viele Jahre außer Landes und hatte nun erfahren, dass der Verwalter des Domkapitels Schaumburg im Einverständnis mit dem Oberkellner im Jahre 1611 auf den ehemaligen Ländereien (Boickholter Feld) und den Hofplatz "Heister" (Junge Bäume) hatte pflanzen lassen, also eine Schonung angelegt hatte.

Die kurfürstliche Verwaltung beauftragte den Kellner zur Horneburg Werner Fabritius und den ehemaligen Richter Nicolaus Stroe mit der Klärung des Falles. Lucas Rive legte ihnen umfangreiche Beweise seiner Rechte vor: 1439 haben Berndt und Catharina von Dungelen den Hof an Borchart von Westerholt verkauft. Der Richter Roseir von Westrem bestätigt dies mit seinem angehängten Siegel. Zeugen sind Frederik von Eicken, Johann Robißken und Werner Schreyber10). Als benachbarte Örtlichkeit wird "Ravens Neck" genannt. 1476 verkauft Borchart von Westerholt den Hof vor Richter Johann Histfeldt an Hermann Rive. Zeugen sind Bürgermeister Constantin Rive, Henrich de Moeller, Frone, und Johann Rensick, Schreiber.

1536 lässt der Besitzer des Hofes, Bürgermeister Bertholdt Rive, vor Richter Heinrich von Ulenbrock ein großes Zeugenverhör anstellen. Es waren wohl Unstimmigkeiten bez. des Holzungsrechtes in der Haard aufgekommen. Befragt werden Wolter Heßehauß Im Schlangenholl, Johann Reckmann, Dierich Konnigh, Dierich Covelen, Johann Gokens, Heinrich Breuninck, Sturman(?) Konningh, Luitze Preckell, Burgermeister, Johan Korte tho Speckhorn, de alde Heinrich, de alde Schuldte tho Nierinek und Dierich tho Borsinck. Sie bestätigen, dass sie beim Holzen geholfen haben. Erinnerungen gehen bis zu Großvater Hermann Rive zurück. Die Schernen hätten sogar beim Holzaufladen geholfen. Viele Namen werden genannt wie der Kellner zur Horneburg Deffte, Berndt von Westerholt, Rotger und Johann von Westrem u. a. m. Als Standesgenossen bezeugen die richterliche Handlung Johann Oisthoff, Johann Uphoff, Werner von der Heibecke, Heinrich Wolter und Gerhardt Hemmelreich.

Lucas Rive benennt aber auch aktuelle Zeugen für seine Rechte. Es sind dies der Ridder in der Harth, Henrich Schroder, Otto up der Wortelen, Arnoldt Schaumburg, der Witwe Schleuters Erben, den Schulten zu Oer Jobst Kleine und Sander Scheper. Für sie stellt er elf Fragen für das Zeugenverhör zusammen. Die Zeugen bestätigen, von dem Hof Boickum gehört zu haben. Die ungefähre Lage des Hofplatzes ist bekannt, auch, dass der Hof 18 Scharenrechte gehabt habe. Allerdings seien letztere an die Familie Schleuter verkauft worden,11) nachdem der Hof im Truchsessischen Krieg wüst fiel. Auch von einer Pfändung wird berichtet, die Rive aber mit einer Tonne Bier wieder in Ordnung gebracht habe. Ein Knecht hätte junge Heister geschlagen, aufgeladen und unter dem Brandholz versteckt.

Es wird ferner erwähnt, dass Lucas Rive einmal an das Domkapitel "suppliciert" habe. Vielleicht ist hiermit ein Schreiben von 1592 gemeint12), das die Äbtissin Elisabeth von Westrern abfasste. Es geht um Benachteiligungen der "Außenmärker" (Rechte von Besitzern, die nicht direkt an der Mark wohnten) durch den Verwalter des Hofes Oer als Vertreter des Dornkapitels. Mit mehreren hochrangigen Adeligen hat hier auch "Lucas Rive zu Recklinghausen" unterschrieben.

Besonders bemerkenswert ist der Bericht vom Verwalter des Domkapitels Arnold Schaurmburg. Er 

Der "Römerbrunnen", Rest der Siedlung am "Heiligen Baum"

habe die umfangreichsten Nachrichten eingezogen. Als Markenrichter der Oerer Haard liege ihm wohl ein Schreiben des Recklinghäuser Bürgers Lucas Rive vor, in dem dieser um Rückgabe des Landes, das zum Boikumer Hof gehörte, und um Wiedereinsetzung in sein Holzrecht bittet. Er habe es aber liegen lassen, weil er über diese Sache überhaupt nichts wisse. Lediglich, dass Schleuters Erben als Nachfolger von Rive bei voller Mast Rechte hätten, sei ihm bekannt. Dass auch Holzungsrechte früher vorhanden gewesen seien, hätte er gehört. Der Hof Boickum solle unterhalb des Bockholter Berges, in der Nähe des Heiligen Baums gelegen haben. Die Gegend dort hieße noch Bockholter Feld. In der Nähe sei auch ein Teich als Viehtränke (Boickholder poete) gewesen. Die "Boickholder Heghe sei ein Ortszaun", um Mark und Feld zu trennen. Man sage, dass die Rives einen Pächter auf dem Hof gehabt hätten mit Namen Johan tho Boickholt. Der Scherne Schwacke hätte sich erinnert, dass das Gelände ursprünglich Ackerland gewesen sei. Darum hätte man auch zunächst gezögert, es mit Bäumen zu bepflanzen. Da das aber alles vor seiner Zeit als Verwalter liege, wisse er nichts Genaues; wenn ihm noch etwas einfiele oder er noch was in Erfahrung bringen könne, wolle er noch berichten.

Noch 1618 erscheint "Rivens gerechtigkeit wegen Vollmast mit 18 Scharen wegen des Bockholter Feldes" in den Brandaufzeichnungen.13) Jetzt haben sie die Bauern Ludbrock und Beckman inne.
Sicherlich bleiben noch viele Fragen offen. Otto Corzillius 14) erzählte mir, dass der Pflug bei der Bepflanzung des Geländes tief einsank und nur mit der Hilfe von zwei Traktoren wieder befreit werden konnte. Vielleicht ist hier der oben erwähnte Teich zu suchen.

Ob Lucas Rive den Hof zurückerhalten hat, war aus den Archivalien nicht zu ersehen. Doch dürfte sich die Sache mit Beginn des 30jährigen Krieges erledigt haben.

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1 Pennings, H.: Die Anfänge des Stiftes Flaesheim in "Flaesheim", Hg. Grochtmann, 1966, S. 139.
2 Herzoglich Arenbergisches Archiv (HAA) im Stadtarchiv Recklinghausen VII C, Nr. 97.
3 Anzahl der mit Brenneisen gekennzeichneten Schweine
4 HAA IL N3. 3. S. 34 - Die Scharenrechte wurden frei gehandelt
5 HAA VIII E, Nr. 5, Fasc. II, S. 266.
6 Johann von Gysenberg (1577-1519) - 1590 von Kurfürst Ernst mit dem Haus Henrichenburg belehnt. 1610 Deputierter für Militärangelegenheiten des Kurfürsten für das Obervest (nach Vest. Ztschr., Nr. 30, S. 27)
7 Besser bekannt unter "Schnadgang" - Begehen der Grenzen einer Mark.
8 HAA IX, Nr. 1813, S. 11.
9 HAA VIII E, Nr. 9, S. 14-53.
10 Vest. Ztschr., Nr. 42, S. 110, und Nr. 5, S. 42.
11 Kontraktenprotokoll - Stadtarchiv Recklinghausen Nr. 14, S. 2, von 1585 Die Vormünder von Lucas Rive mit Namen Johan von Bolswinge Schulte zu Bouckum (!), Ernst von Bolswinge zu Goestbroich, Rotger Stenwech und Frantz von Ulenbroick verkaufen 18 Brände aus der Gerechtigkeit von der Oerer Haard an Werner und Elsken Shuter, ebenso die "Halpscheidt deß Krabbendiecks zu Essel"
12 HAA VIIIE; Nr.7, S. 152f
13 s 4 S 44
14 0. C. ist der Initiator des geschichtlichen Lehrnfades durch die Haard.


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