1576 – 1616 Der Kampf um das Marken- oder Erbholzrichteramt in der Oerer Haard (Mark)
Gerhard Clarenbach

Vorbemerkung

Wie schon in meinem Aufsatz im Vestischen Kalender 2000 über die Diller Mark, so ist die Frage, wer Markenrichter der Oerer Mark war, falsch gestellt. Auch in der Oerer Haard kam es auf die Macht und das Durchsetzungsvermögen der handelnden Personen bzw. ihrer Bevoll­mächtigten an. Besitzer (Erbexen) der Mark wa­ren 1) der Kurfürst von Köln, vertreten durch seinen Statthalter im Vest oder seinem höchsten Beamten, dem Kellner auf Horneburg, 2) das Domkapitel von Köln, vertreten durch seinen Verwalter im Vest und 3) die jeweilige Äbtissin von Flaesheim.

Aus der Zeit vor 1576 (Vor Wiederlöse des Vestes)

Von den sehr frühen Verhältnissen in der Mark wird in der Flaesheimer Fundation von 1166 berichtet, auf die schon Menke' verweist. Damals hatte wohl der Schulte von Oer die Erb­holzrichterfunktion. In der Pfandzeit übernahm der Kellner der Schaumburger Grafen auf Hor­neburg alle Aufgaben. "Die Nachrichten über die Verwaltung der Oerer Haard setzen dann aus bis zur Löse des Vestes gegen Ende des 16. Jahrhunderts", stellt Menke richtig fest. In den Flaesheimer Akten des Herzog-Arenberg-Ar­chives (HAA) fand ich aber eine Archivalie, die eine starke Stellung der Äbtissin von Flaesheim Elisabeth von Langen in den Jahren 1536/39 beweist.2) In den Verhandlungen mit den Pfandher­ren verfügt nur Flaesheim über Urkunden und kann den Anspruch auf 1/3 des Haardholzes und der Stellurig von zwei Schernern durchsetzen.

Vom Ende der Pfandschaft bis zum Beginn des 30-jährigen Krieges: 1576-1617

Nach der Wiederlöse des Vestes durch Erzbi­schof Salentin war man bestrebt, die durch die lange Pfandzeit verdunkelten alten Rechte wie­derherzustellen. Dazu trafen sich Vertreter des Kurfürsten und des Domkapitels in der Burg Linn bei Krefeld. Auch der Hobsfron Henrich Schwacke aus Oer und der vestische Verwalter des Domkapitels, Arnold von Schaumburg, waren Teilnehmer dieser "Communication", auf die in vielen Archivalien Bezug genommen wird. Allerdings scheinen die Originalprotokol­le in den Kriegswirren abhanden gekommen zu sein. U. a. wurde die Rückgabe der Rechte und der Güter an das Domkapitel von Köln verein­bart. Der Verwalter Arnold von Schaumburg wurde beauftragt, diese Rechte zu erforschen, schriftlich niederzulegen und durchzusetzen. Auch das Domkapitel, dem offensichtlich schriftliche Beweise fehlten, bemühte sich und bat die Schaumburger Grafen und das Stift Flaesheim um Überlassung von Abschriften entsprechender Urkunden aus deren Archiven.'

1578 4) kommt es beim 1. Holting nach der Wiederlöse in Oer und am Heiligen Baum (heu­te Johannes) in der Haard zu Zwistigkeiten zwi­schen dem kurfürstlichen Kellner Dietrich von Knippenburg, der die Rechte des Kellners wie zur Pfandherrenzeit fortsetzen will, auf der ei­nen Seite und dem Verwalter des Domkapitels, Arnold von Schaumburg, und dem Amtmann des Stifts Flaesheim, von Gahlen, auf der ande­ren Seite.

Im Zeugenverhör von 1580 5) auf Werner Schlüters Hof in Oer lässt sich der Verwalter sei­ne Stellung und die Rechte des Domkapitels be­stätigen.

Aber 1585, nach dem Kölner Krieg, erklärt der Statthalter Georg von Brabeck 6) in einem Brief an das Domkapitel, dass er im Namen des Kurfürsten Ernst die Jurisdiktion in der Haard ausübe.

    1592 7) bezeichnet sich gar die Äbtissin von Flaesheim, Elisabeth von Westrem, als Erbholz­richterin der Oerer Haard, allerdings "an statt des Domkapitels". Diesen Brief haben u. a. auch die Adeligen Johann von Raesfeldt, Georg Aschebrock von Malenburg und Phillip von Westrem zum Gutacker als Interessenten der Oerer Mark unterschrieben.

1595 sollen 39 Fragen 8) durch den Statthalter Gropper an den ehemaligen Vogt von Horne­burg, Melchior Larbusch, und den Hobsfronen Johann Schwacke eine Klärung der Verhältnis­se in der Mark bringen, Der Kurfürst wird als Erbe in allen Marken bezeichnet und der Schul­te von Oer als Holzrichter im Namen des Dom­kapitels. Das Markenbuch aber habe die Äbtis­sin von Flaesheim.

1596 9) präsidiert der Schulte von Oer tatsäch­lich bei einem Notholting in Oer, allerdings nur als "undergesetzter" Holzrichter, im Namen desDomkapitels als Erbherren.

1610 10) ruft gar der Adelige von Giesenberg auf Henrichenburg, als Militärdeputierter des Kurfürsten, zu einem Holting auf, wogegen al­lerdings das Domkapitel als Erbholzrichter pro­testiert.

1614 11) stellen Deputierte des Domkapitels und des Kurfürsten eine Markenordnung auf, Flaesheim wird nicht beteiligt, aber aufgefor­dert, sich entsprechend der Ordnung zu verhal­ten. Dagegen protestiert das Stift heftig. Aller­dings wird die Ordnung später auch vom Dom­kapitel nicht ratifiziert.

Das Markenrichterproblem wird so gelöst, dass der Domkapitelverwalter und der Kellner gemeinsam das Amt ausüben sollen. 12 Ein typi­scher fauler Kompromiss.

1616 11) muss dann auch der Statthalter Rensing das Markenrichteramt ausüben. So ist noch nichts entschieden, als der 30-jährige Krieg aus­bricht.

 

Literatur und Anmerkungen

1) Josef Menke: Die Geschichte des Reichshofes Oer - Vest Zeitschr. 1936 (43 Band). Die Arbeit ist irruner noch lesenswert, besonders weil danach kaurn etwas Neues veroffentlicht wurde, allerdings bedarf rnanches der Korrektur.

2) HAA VIII B, Nr. 90 b B 1. 15/25.
3) HAA VIII E, Nr. 4 Fasc. 3 Bl. 42 f.
4) HAA VIII C, Nr. 97.
5) HAA VIII C, Nr. 111.
6) HAA VIII E, Nr. 8 Bl. 189.
7) HAA VIII E, Nr. 7 Bl~ 152 f.
8) HAA VIII E, Nr. 5 11 Bl. 201 f.
9) HAA VIII B, Nr. 90 c B 1. 24. 10 HAA VIII E, Nr. 5 11 Bl. 266. 11 HAA IL, Nr. 4. 12 HAA 111, Nr. 2 Bl. 64. 13     HAA 111, Nr. 2 Bl. 125.
10) HAA VIII E, Nr. 5 II Bl. 266
11) HAA II, Nr. 4
12) HAA III, Nr. 2, Bl. 64
13) HAA III, Nr.2, Bl. 125