Der Reichshof Oer
Von seiner Gründung unter Karl dem Großen (ca. 770) bis zu seinem Untergang 1803

Friedhelm Ast
Festbuch "850 Jahre Oer",  Verein für Orts- und Heimatkunde Oer-Erkenschwick e.V.

Der Name Oer weist auf ein weit zurückgehendes Alter hin. Er ist wohl indogermanischen Sprachstammes und verwandt mit dem lateinischen aer ~ Erz. Der Name Oer war vermutlich eine Flurbezeichnung.

In der Senke zwischen Recklinghäuser Landrücken und der Haard lag der sogenannte Reichshof Oer, eine Grundherrschaft, die sich aus zahlreichen Einzelhöfen (Hobsgütern) zusammensetzte und deren Gesamtheit erst den Begriff Reichshof bildete. Ihm verdanken die Oerer Kirche und das Dorf Oer ihre Entstehung. Kirche und alle Hausstätten des Dorfes liegen auf dem Boden des ehemaligen Reichshofes.

Was den sogenannten Reichshof Oer anbetrifft, so spricht vieles dafür, dass es sich hier in der Hauptsache um eine auf Karl den Großen zurückgehende, aus militärischen Gründen angelegte Schöpfung handelt.

Beachtet man die Lage des Oberhofes Oer und die Verteilung der annähernd 80 Unterhöfe, so ergibt sich, dass hier eine Gruppierung vorliegt, deren Gründung mit der alten Lippestraße aufs engste zusammenhängt. Wie der Haupthof selbst, so liegen auch die zahlreichen Unterhöfe fast ausnahmslos auf der Sehne des Lippebogens, der bei Haltern seinen nördlichsten Punkt erreicht. Nun wissen wir, dass schon seit Urzeiten die Straße, anstatt dem Lauf der Lippe zu folgen, von Dorsten aus die Richtung auf Lünen nahm, wo sie wieder auf die Lippe stieß. Um über den Recklinghäuser Landrücken, zu dem letzten Endes als Fortsetzung die Kuppen der Haard gehören, am einfachsten hinwegzukommen, konnte die Lippestraße nur durch die von Westen nach Osten laufende Senke führen, die durch das Tal des Silvertbaches und das des Mühlenbaches gebildet wird. Mitten in dieser Senke, dort wo der Pass seine größte Enge hat, liegt das Dorf Oer und das Gelände der ehemaligen curtis de Ore. Der ursprünglich militärische Charakter der curtis lässt erkennen, warum man gerade diesen Punkt zur Anlage einer curtis aussuchte. Man wählte ihn nicht, weil sich hier vielleicht mehrere Straßen kreuzten, sondern weil man hier diese Lippestraße sperren konnte.


Aus der Lage der Unterhöfe des Hofes Oer ergibt sich also, dass z. Zt. seiner Entstehung eine Lippestraße jeden Umweg mied und statt über Recklinghausen direkt durch die Senke bei Oer über Datteln, Waltrop nach Lünen führte. Die 80 Unterhöfe gruppieren sich in wenigen Ausnahmen so, dass, wenn man sie  verbindet, eine Linie entsteht. Bei Marl beginnend, führt diese über Lenkerbeck, Sinsen, Siepen, Oer, Erkenschwick, Datteln nach Waltrop. Der Grund dieser Anordnung war eben der, dass die Höfe einer Straße wegen so ausgesucht oder neuangelegt sind. Das mit Höfen des Reichshofes Oer besetzte Stück betrug etwa 30 Kilometer. An der einen Seite bildeten Höfe des Reichshofes Dorsten, an anderen die des Reichshofes Elmenhorst Fortsetzung. Zum Betrieb des Hofes gehörten auch Abzweigungen, von denen einer über Löntrop, Bockolt zum Reichshof Recklinghausen, die andere über Meckinghofen nach Waltrop ging. Für den Reichshof Oer ergibt sich damit, dass die Unterhöfe nach einem bestimmten System ausgesucht waren. Sie lagen an Straßenzügen, weil sie ursprünglich durchziehbare Heeresabteilungen mit Proviant zu versorgen, Spanndienst leisten und für die Erhaltung der Wege Sorge zu tragen hatten.


In allen Teilen des Deutschen Reiches wurde die Kirche von den Königen reichlich mit Reichsgut ausgestattet. Die Reichsgüter wurden dazu benutzt, sich treue Vasallen zu erkaufen. Bei dem Mangel an ausgebauten Verkehrswegen konnte das Königtum sie selbst ja nicht verwalten. Den Bischöfen
aber konnten die Könige das Reichsgut um so eher übertragen, als die ihnen in ihrer Eigenschaft als Reichsbeamten übertragenen Güter wenigstens anfangs dem Reich nicht verloren gingen. Reichskirchengut blieb in der damaligen Vorstellung nach wie vor eigentliches Reichsgut.

Da nun zumindest seit dem 10. Jahrhundert die Kölner Erzbischöfe im Besitz verschiedener Oberhöfe, darunter auch Oer, sind, dürfen wir annehmen, dass es sich hier auch um ehemaliges Reichsgut handelt. Damit wäre ein weiterer Ring in die Beweiskette eingefügt, die nachweisen soll, dass es sich bei Oer um einen alten Reichshof handelt. Wenn dessen Einkünfte spätestens seit dem 12. Jahrhundert dem Kölner Domkapitel zuflossen, so ist das wohl so zu erklären, dass der Reichshof diesem vom Erzbischof überlassen war.

Wann der Reichshof Oer aus dem Besitz des Reiches in die Hände des Erzbischofs und von diesem an das Domkapitel gekommen, ist aus Urkunden nicht zu ersehen. Dass Oer aber schon um die Mitte des 12. Jahrhunderts in domkapitelschem Besitz war, ergibt sich aus der Stiftungsurkunde des Damenstiftes Flaesheim vom Jahre 1166, die die Markenverhältnisse zwischen dem Reichshof Oer und dem neugegründeten Stift regelt. Unter den Zeugen werden für den Reichshof Oer der Dompropst Hermann und der Domdekan Philipp als Vertreter des Domkapitels genannt.

Der Reichshof hatte damals und auch noch später die Schultheißenverfassung, d. h. das Domkapitel ließ den Hof durch einen Ministerialen, der mit Rechten und Einkünften ausgestattet war, verwalten. Im Jahre 1204 übertrug es Gottfried von Oer dieses erbliche Amt. Da seine unermüdlichen Dienste gerühmt werden und erwähnt wird, dass er bisher schon die Gefälle des Hofes entrichtet habe, ist anzunehmen, dass es sich hier weniger um eine eigentliche Übertragung als um eine Bestätigung im Schultheißenamte handelt. Die eigentliche Glanzzeit des Geschlechtes derer von Oer beginnt erst mit der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts. Wie allerorts, so ging auch das Streben der Oerer Schultheißen dahin, den Reichshof Oer zu einem festen Erbsitz ihrer Familien zu machen. Am 10. März 1389 wurde der Hof von Heidenreich für die Summe von 1300 Gulden käuflich erworben. Mit dem Erwerb des Hofes Oer war Heidenreich neben dem Erzbischof der vermögendste Grundherr des Vestes geworden.

Mit Billigung des Erzbischofes, der darin wohl in erster Linie ein Bollwerk gegen die Grafen von der Mark sah, hatte er sich schon einige Jahre vorher die Feste Horneburg bauen lassen. Mit dem Ausbau der Horneburg legte die Familie von Oer aber auch den Grund zu ihrem baldigen Untergang. Der Erzbischof Dietrich von Mörs zog 14 10 mit Heeresmacht vor die Feste Horneburg.

In der Unterwerfungsurkunde vom 5. Juni 1410 verzichtete Heinrich auf die von ihm bisher beanspruchte und tatsächlich ausgeübte Gerichtsbarkeit und übernahm manch drückende Verpflichtung. Der Streit brach von neuem los und schien mit einem Siege Heinrichs zu enden, weil Kaiser Sigismund am 6. Dezember dem Heinrich von Oer und seinen Erben die hohe Gerichtsbarkeit auf der Horneburg zugesprochen hatte. Der Einspruch des Erzbischofes machte diese Verleihung der Gerichtsbarkeit ungültig, und nach mehrmonatiger Belagerung wurde die Horneburg am 17. Juni 1418 ein zweitesmal von den Truppen des Erzbischofes eingenommen. Heinrich von Oer überlebte den Verlust der Horneburg nicht lange. Er starb im Jahre 1422. Sein Neffe Dietrich führte den Kampf gegen das Erzstift ohne Erfolg weiter, bis auch er und seine Familie einsahen, dass von der Horneburg und den anderen vestischen Besitzungen nichts mehr zu retten war.

Nach längeren Verhandlungen verzichteten Heidenreich, der Bruder des unglücklichen Heinrich, seine Kinder Ludolph, Sander, Bernhard, Dietrich und Elsken am 3. Juli 1431 auf ihre sämtlichen im Veste gelegenen Güter, welche Dietrich noch im Besitz hatte. Außer Oer gehörten dazu die im Vest gelegenen Höfe des Reichshofes Körne bei Dortmund.

Als am 24. November 1446 das Vest Recklinghausen an Johann von Gemen verpfändet wurde, da schloss man auch die beiden Höfe Oer und Körne in diese Pfandschaft mit ein. In dem Pfandbrief wurden die Eigentumsrechte an den Höfen dem Domkapitel ausdrücklich vorbehalten. Über die Besitzverhältnisse kurz vor der Pfandschaft besteht eine Unklarheit. Der Abgeordnete des Kurfürsten, Licentiat Christoph Winkler, behauptet am 25. September 1614, die Höfe Oer und Körne hätten vor der Verpfändung des Vestes ihre Abgaben an das Erzstift abgeliefert und seien aus dessen Eigentum mit verpfändet worden. Das Domkapitel vertrat dagegen den Standpunkt, die genannten Höfe seien bei der Verpfändung des Vestes zum Besten des Erzstiftes in die Pfandschaft mit eingeschlossen und deswegen dem Domstift nach der Lösung des Vestes zurückgegeben worden.

Während der Pfandschaft des Vestes wurden die Gefälle der Höfe Oer und Körne gleichzeitig mit denen der kurfürstlichen Güter an das Haus Horneburg, das die Pfandinhaber ebenso wie schon vorher der Erzbischof zum Verwaltungssitz des Landes gemacht hatten, abgeführt. Da man hier kaum noch einen Unterschied zwischen domkapitelschem und erzstiftlichem Gut machte, wurde diese unterschiedslose Benutzung Anlass für manche Streitigkeiten. Diese brachen aus, als die Oberhöfe nach der am 22. Mai 1576 geschehenen Einlösung des Vestes wieder getrennt werden sollten.

Oer und Körne kamen jetzt, wie es in dem Pfandbrief vorgesehen war, wieder in den Besitz des Kölner Domkapitels. Dieses übertrug die Verwaltung der beiden Reichshöfe einem Verwalter, der zunächst nur die Gefälle zu erheben hatte. Als diesem jedoch nach 1617 auch die Hobsrichterstelle übertragen wurde, ähnelte sein Amt sehr der Stellung des früheren Schultheißen. Während vier Generationen lag das Amt des domkapitelschen Verwalt bei der Familie Schaumburg.

Nahezu 300 Jahre war das Domkapitel wieder im ungestörten Besitz des Hofes Oer gewesen. Da wurde auf Grund des Luneviller Friedens vom Jahre 1801 dem Kölner Kurfürsten die Landeshoheit im Vest genommen und dem Herzog Ludwig Engelbert von Arenberg übertragen. Artikel 7 des Friedensvertrages forderte die Entschädigung der links des Rheins geschädigten weltlichen Fürsten durch Territorien rechts des Rheins. In Ausführung dieses Artikels wurden dem Herzog durch den Deputationshauptschluß vom 25. Februar 1803 auch die Höfe Oer und Körne zugesprochen.

Der politischen Umwälzung folgte die soziale. Mit der Einführung des Code Napoleon am 28. Januar 1808 seitens des Herzogs war der erste vernichtende Streich gegen die alte 0rganisation des Reichshofes Oer getan. Für den Oerschen wie überhaupt für die vestischen Hobshörigen galt von diesem Zeitpunkte an dieselbe Rechtsstellung wie für den französischen Staatsbürger. Der Oersche Hobshörige wurde von den persönlichen Verpflichtungen die sich aus seinem Abhängigkeitsverhältnisse zu dem Hofe Oer ergeben, befreit. Den letzten Stoß erhielt das Gefüge des Oberhofes durch das Inkrafttreten der neuen Hobsodnung vom 2. November des Jahres 1809.

Die eigene Gerichtsbarkeit wurde dem Hofe Oer genommen und ein einheitliches vestisches Hobsgericht für die ehemalige Reichshöfe Oer, Körne, Recklinghausen und Dorsten, deren Eigentümer der Herzog von Arenberg auf Grund des Deputatios hauptschlusses geworden war, gebildet. Damit hatte der Reichshof Oer, dem die Stürme von tausend Jahren nichts anhaben konnte, aufgehört, als selbständiger Organismus zu bestehen.

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