1447 Wechselbrief des Bernd van Huppertinch

Winter
700 Jahre Hof und Familie Schulte-Hubbert

Mehr als 100 Jahre sind vergangen, seit Conegundes, Tochter des Johannes de Hubertinch, 1341 auf ihren Hof verzichtet hatte. Erst 1447 wurde dann wieder ein Bewohner des Hofes mit gleichem und vor allem "vollständigen" Namen genannt.

100 Jahre bedeutet, dass drei, vielleicht aber auch mehr Generationen in der Zwischenzeit auf dem Hof gelebt haben müssen. Doch liegen über diese heute anscheinend keine Nachrichten mehr vor. Es versteht sich daher von selbst, dass eine verwandtschaftliche Beziehung zwischen Conegundes und über den im folgenden zu berichtenden Bernd vielleicht angenommen, aber in keiner Weise belegt werden kann. Schon ganz allgemeine Gründe verbieten weitergehende Schlussfolgerungen:

Das - ausgehende - Mittelalter war alles andere als eine friedliche und auch keine gesunde Zeit. Kriege und Epidemien haben dazu geführt, dass Familien ausstarben und die von ihnen bewirtschafteten Höfe verwaisten. Die Grundherren werden zweifellos bestrebt gewesen sein, wüste Höfe schnellstmöglich wieder zu besetzen, da sie an den Einkünften aus diesen interessiert waren. Das bedeutet aber, dass zwei nacheinander auf einem Hof lebende Familien nicht notwendig miteinander verwandt gewesen sein müssen, auch dann nicht, wenn sie den gleichen Namen führten. Dieser Name war nämlich nicht der Familienname im heutigen Sinne, sondern der Name des Hofes.

Auch wird nicht jeder, der urkundlich den Namen des Hofes Schulte-Hubbert geführt hat, diesen von Geburt an besessen haben. Der in Westfalen weit verbreitet gewesene Brauch, dass der Familienname eines auf ein Bauerngut einheiratenden Mannes durch den Hofesnamen verdrängt wurde, bereitet bei einer kargen Quellenlage grundsätzliche Schwierigkeiten: Kann von dem, der nach dem Hof, auf dem er sitzt, benannt wird, auch angenommen werden, dass er von ihm abstammte? Oder handelt es sich vielleicht um jemanden, der auf den Hof eingeheiratet, seinen "Familiennamen " verloren und den Hofesnamen als neuen "Familiennamen" erhalten hat?

Eindeutig lösbar ist das "Namenproblem" im folgenden Fall:

"Johan Bobbe und Wilhelm Platenmeker, derzeitige Verwahrer des St. Antonius Altars im Gericht Recklinghausen, bekennen für sich und ihre Nachkommen, dass sie mit Blydeken Munckerdes und allen Jungfrauen zu Flaesheim Personen gewechselt haben: Sie übergeben den wachszinsigen Bernd Hubertinch, Sohn des Hans von Krange, und erhalten dafür den bislang dem Stift Flaesheim zugehörigen Zerges, Hoen von Datteln, der nun zu einem Wachszinsigen des Antonius-Altars wird.

Zeugen dieses Wechsels sind der Schulte von Flaesheim, Evert von Grotenhuyss und der schwarze Heinrich. Johan Bobbe und Wilhelm Platenmeker hängen zur Beglaubigung das Siegel des St. Antonius an."

Bei dem hier zitierten Text handelt es sich um das Regest eines sog. Wechselbriefes. Ein Wechselbrief dokumentiert, dass zwei Grundherrschaften von ihrem Recht Gebrauch gemacht hatten, untereinander Hörige auszutauschen (= zu "wechseln").

In diesem Fall waren die Verwahrer des St. Antonius-Altars im Gericht Recklinghausen einerseits und das Stift Flaesheim auf der anderen Seite die beteiligten Herrschaften. Die Erstgenannten übergaben dem Stift Flaesheim den Bernd, einen Sohn des Hans von Krange, und erhielten im Austausch für diesen Zerges, der bis zum Wechsel Höriger des Stiftes Flaesheim war.

Bernd tritt in dieser Urkunde nicht wie sein Vater Hans mit dem Namen "von Krange" in Erscheinung. Vielmehr führte er bereits den Namen des Hofes, auf den er durch den Wechsel gelangte: "Hubertinch". Es kann demnach davon ausgegangen werden, dass Bernd vor dem Wechsel auf den Hof Schulte-Hubbert eingeheiratet, seinen "Familiennamen" bereits verloren und stattdessen den Hofesnamen angenommen hatte.

Durch den Wechsel erhielt Bernd mit dem Stift Flaesheim nicht nur einen neuen Grundherrn. Er verlor auch seinen Status als Wachszinsiger und wurde stattdessen Eigenbehöriger, was pro forma einer Verschlechterung seines Standes gleichkam. Denn Wachszinsige, die (Schutz-)Hörige einer Kirche waren, hatten als einzige Abgabe regelmäßig - und zwar gewöhnlich einmal jährlich - eine bestimmte Menge Wachs an ihre Kirche abzuliefern. Nicht nur auf den ersten Blick erscheint die Verpflichtung des Wachszinsigen gegenüber den Eigenbehörigen mit ihren zahlreichen Verpflichtungen also als wenig gravierend. Jedoch gibt es Beispiele dafür, dass es Wachzinsigen über Jahre nicht gelungen war, ihrer Verpflichtung nachzukommen: "Eine Wachzinsige aus Wanne, welche die stattliche Zahl von 12 Kindern ihr eigen nannte, war jahrelang ihrer Verpflichtung in Flaesheim nicht nachgekommen. Nur aus christlicher Nächstenliebe sieht das Stift für dieses Mal davon ab, ihr und ihrer Nachkommenschaft das Joch völliger Unfreiheit aufzulegen, ..."43)
Wie hatte es so weit kommen können? Bei Wachs handelte es sich damals ausschließlich um Bienenwachs. Wer keine Bienenstöcke besaß, musste Wachs kaufen. Als rare Ware hatte er natürlich keinen geringen Preis. So konnten auch - aus heutiger Sicht betrachtet - scheinbare Kleinigkeiten ein ungeahntes Gewicht bekommen.

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43) Pennings, RE II, S. 147f

 

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