1655 Der Streit zwischen Domkapitel und Flaesheim auf einem Höhepunkt
(
nach HAA VIII B Nr. 77 und HAA VIII E Nr. 2)
Gerd Clarenbach

Im Jahre 1655 eskalierte der Streit um die Herrschaft in der Oerer Haard  zwischen dem Verwalter des Domkapitels von Köln Johan Schaumburg und der Äbtissin von Flaesheim Anna Maria von Ketteler. Angeblich hatte das Stift wieder einmal viel zu viele Schweine zur Eichelmast in die Haard getrieben. 72 Stück waren von den Oerer Schernern gepfändet und in den Pfandstall nach Oer gebracht worden.

Sehr früh am Morgen („gar frö alß kaum die sonne aufgangen“) kam die Äbtissin mit 5 ihrer Jungfern und einigen Hausleuten auf den Hof des Schulte-Oer, wo sich der Pfandstall befand. Sie befahl dem Schulten, den Stall zu öffnen. Doch der „entschuldigte sich“, das dürfe nur der Markenrichter Schaumburg. Doch da zog eine der „Juffern“ eine Axt hervor, „so verborgen unterm Rock gehabt“, und schlug damit das Schloss auf. Schnell waren die Schweine befreit und wurden Richtung Flaesheim getrieben. Dem hinterher eilenden Hobsfronen Schwacke, der mit dem Domkapitel drohte, erklärte die Äbtissin: „Ich paße auf ein Domkapitel in Köln nichts, seinds sie Grafen und seinds wir Adelige.“

Der Kurfürst Max Henrich selbst befahl später ziemlich zornig, die Schweine zu beschlagnahmen und sicherheitshalber nach Horneburg zu bringen. Aber der Verwalter Schaumburg war skeptisch. Schon einmal habe der Münstersche Kanzler Merfeldt eine Bestrafung der Äbtissin verhindert.

Noch im selben Jahr wurde Schaumburg benachrichtigt, dass der Flaesheimer Amtmann Sutan am „Heiligen Baum“ Holz schlagen ließe. Schnell verständigte er die Scherner in Oer.

Was dann passierte, wird von der Äbtissin und Schaumburg sehr unterschiedlich dargestellt und beurteilt. Die Äbtissin erhebt „Attentatenklage“ und gibt an, der Amtmann sei halb tot geschlagen worden und hätte über 3 Wochen das Bett hüten müssen. Schaumburg dagegen zeigt den Amtmann wegen Widerstands gegen die landesherrliche Gewalt an.

Die Scherner geben einen lesenswerten, treuherzigen Bericht.

Als sie auf dem Wege zum „heiligen Baum“ gewesen wären, sei ihnen „ein guter Mann auf einem Wagen begegnet.“ Der hätte ihnen gesagt, dass der Amtmann eine Flinte dabei hätte. Ob sie „mit ledigen händen“ dahin gehen wollten? Sie hätten sich dann daran erinnert, wie der Amtmann den Molman aus Leven, den Goddecken auf der Becke und andere „mit schießen und schlagen so grausamb tractirt“ und hätten sich dann zur Verteidigung einige Stecken von Bäumen geschnitten, aber ganz ohne Gedanken, „den Amtmann damit zu lädieren“. Beim niedergefällten Holz angekommen, wollten sie pflichtgemäß den Holzhackern die Äxte pfänden. Doch der Amtmann hob seine Flinte und erklärte, sie sollten es nur versuchen, „so will ich 2 oder drei darniederschießen.“ Er hätte die Flinte mit 11 Stück geklopften Zinn geladen. Doch bevor er abdrücken konnte, hatte sich einer der Scherner der Flinte bemächtigt. „ In der hitze des gemuts  seien sie mit ihren stecken etwas ubernkommen, gantz ohne aber, dass vorsetzlicher  weise  dies geschehen  sei.“ Ob er wirklich 40 Schläge bekommen habe, könnten sie nicht sagen. Da er aber doch selbst „nacher Flaßheimb noch woll gehen konnen“, könnte es so schlimm doch gar nicht gewesen sein.

Als  „underthänige Underthanen im Vest Recklinghausen“  haben unterschrieben als „Schuldt und Scherner der Öhr Harth“: Johan Schulte zu Ohr, Johan Welman, Herman Rhedeman, Johan Schröer und Herman Scheper.

Der Rechtsstreit zog sich noch viele Jahre hin. Wie er letztlich ausgegangen ist, konnte ich nicht in Erfahrung bringen.

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